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In der Diskussion: Der MDR-1 Defekt

Im Sommer diesen Jahres erhielten bestimmt Einige von Euch genau wie ich die Information, dass die Universität Giessen das Geheimnis der Ivermectin (u.a.)-Empfindlichkeit der Collieartigen enträtselt hat und allen Besitzern von Hunden der betroffenen Rassen kostengünstig einen entsprechenden Test anbietet. 

Hier ist zunächst für alle Interessierten noch einmal der Link auf die entsprechenden Seiten der Uni Giessen (dieser darf / sollte selbstverständlich gern weitergeleitet werden):

http://www.vetmed.uni-giessen.de/pharmtox/mdr1-defekt/mdr1-defekt.html#3

Diesen Seiten können weitergehende Informationen und Erklärungen zu dem Testverfahren entnommen werden.

Die Liste der gängigen Arzneistoffe, die bei den betroffenen Tieren zu unerwünschten bis lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen können, findet Ihr ganz am Ende dieses Artikels mit der Möglichkeit, sie herauszukopieren oder vielleicht auch auszuschneiden (zur Vorsicht bitte die Rückseite beachten).

Es handelt sich also – nun erwiesenermaßen – bei der Überempfindlichkeit der Collieartigen, also auch unserer Aussies, gegen unter anderem den Wirkstoff Ivermectin um einen genetischen Defekt, den MDR 1-Defekt. Die Tabellen zum Erbgang sind ebenfalls am Ende zu finden, vor der Wirkstoffliste.

Die folgende Kurzerläuterung habe ich auch der Uni-Seite entnommen:

Der MDR1-Transporter sitzt normalerweise auf der Oberfläche der Endothelzellen, das sind Zellen, die die Wände der Blutgefäße von innen auskleiden. An dieser Stelle sorgt er dafür, dass toxische Verbindungen und Arzneistoffe, wie das Antiparasitikum Ivermectin, in den Gehirnkapillaren zurückgehalten werden. Besteht nun ein genetischer Defekt im MDR1-Gen geht diese Schutzfunktion verloren und Substanzen wie Ivermectin können ungehindert ins Nervengewebe übergehen.

In Folge der seinerzeitigen Bekanntmachung entspann sich eine sehr rege und interessante, oft auch kontroverse Diskussion.

Ich möchte eine Zusammenfassung der gesammelten Stellungnahmen, Fakten und Fragen hier zur Verfügung stellen in der Hoffnung, eine gesundheitliche Problematik dadurch besser verständlich zu machen und die sich daraus möglicherweise für jeden Einzelnen anbietenden Konsequenzen sachlich abzuwägen.

Ich möchte auch versuchen, eine Vielzahl von seitdem kursierenden Schreckensbildern wie auch weit überzogenen Forderungen zu entkräften.

Weil diese Schreckensbilder und „Panikmache“ – leider im Gegensatz zu sachlicher Information und Diskussion – bis heute weitgehend unwidersprochen sowohl in Gesprächen wie auch auf diversen Internetseiten zu finden sind, stelle ich die brisantesten mal an den Anfang der Sammlung. (die Zitate sind zur sicheren Unterscheidung kursiv gedruckt)

I. Es ist nicht zutreffend, dass

  • Ivermectin für Hunde nicht zugelassen ist.
  • Der Wirkstoff Ivermectin ist durchaus auch in Medikamenten enthalten, die für Hunde zugelassen sind und auch von Tierärzten verabreicht werden.

II. Es ist eine schon vom Ansatz her falsche Forderung,

  • IVERMECTIN als Verursacher dieser Nebenwirkungen zu verbieten und vom Markt zu nehmen.

III. Und es ist eine absolut überzogene Forderung, dass

  • alle Züchter ihre Zuchttiere auf diesen Defekt hin untersuchen lassen, damit nur noch mit nicht betroffenen Tieren weiter gezüchtet wird.

Zu I.

Hunde mit dem MDR 1-Defekt besitzen eine Überempfindlichkeit gegen diverse Stoffe und toxische Substanzen (siehe Liste am Ende). Ivermectin ist nur der seit Langem bekannteste Wirkstoff, auf den die Collieartigen zum Teil sehr massive Reaktionen bis hin zu kurzfristigem Verenden zeigen. Daneben schon lange bekannt sind auch die z. T. unerwartet starken Reaktionen auf Narkotika.

Diese besondere Unverträglichkeit ist in der Hundepopulation – außerhalb der Collieschläge - insgesamt weitestgehend unbekannt. Im Gegensatz zu den StandardCollies (über 70 % der Tiere sind betroffen) liegt der Aussie mit knapp über 30 % betroffener Tiere im unteren Mittelfeld.

Betrachtet man nur die Liste der bekanntesten Wirkstoffe wird deutlich, dass eine Vielzahl von Krankheitsbildern mit für unsere Hunde „kritischen“ Wirkstoffen behandelt werden. Also können wir uns nicht damit beruhigen, allein die Verordnung oder Verabreichung Ivermectinhaltiger Medikamente zu verhindern.

Eine Vielzahl von veterinärmedizinischen (und humanmedizinischen, die ebenfalls von Tierärzten eingesetzt werden) Arzneien lösen bei Tieren mit MDR 1-Defekt unerwünschte, zum Teil schwere Nebenwirkungen aus (siehe Liste).

Zu II.

Die Vielzahl dieser Wirkstoffe (Liste !!) macht klar, dass die Forderung nach einem Verbot nicht gerechtfertigt oder sinnvoll sein kann. Denn alle diese Wirkstoffe helfen ja der bei Weitem überwiegenden Mehrzahl der zu Behandelnden bei der Heilung bzw. Linderung eines gesundheitlichen Problems.

Zu III.

Es handelt sich zwar um ein „Defekt-Gen“, jedoch verursacht dieses aus sich selbst heraus in keiner Weise z. B. Erkrankungen oder anderweitige Schwächungen des Individuums.

Das Wissen darüber darf, sollte, deshalb gern in züchterische Überlegungen einfließen, aufgrund der relativ niedrigen Kosten dieser Untersuchung würde ich mir auch eine sehr rege Beteiligung an der Testreihe wünschen, es darf aber diese Untersuchung – zumindest aktuell im Hinblick auf unsere noch recht geringe Zuchtbasis – nicht mit einer falschen Priorität belegt oder gar „eingefordert“ werden.

Und – selbstverständlich kann, darf und MUSS auch mit betroffenen Tieren weiterhin gezüchtet werden. Wer allerdings eine positive Testauswertung für sein Tier hat, sollte gern versuchen, ein ebenfalls getestetes, nicht betroffenes Partnertier ausfindig zu machen. Allerdings mit – hier nochmals ausdrücklich zu betonen – deutlich minderer Priorität (Siehe Erläuterungen „Erbgang“ am Ende).

Grundsätzliches zum MDR 1-Defekt, seiner Bedeutung und seinen Auswirkungen

Die Blut-Hirn-Schranke sollte funktionieren. Sie tut es - gerade bei den "Collieartigen", der Gruppe der besonders betroffenen Rassen, nicht zuverlässig. Ich halte es für einen Fortschritt, dass man diesem Phänomen auf die Spur gekommen ist, Dies ist - isoliert betrachtet - ein ausschließlich positives Ergebnis der progressiv orientierten Genforschung.

Genforschung ist nicht gleichzusetzen mit Genmanipulation. "Passive" Genmanipulation findet (noch positiv) allerdings doch bereits in dem Augenblick statt, in dem Erkenntnis über genetische Prädispositionen (bewiesene oder auch nur seriös zu vermutende) entscheidenden Einfluss auf geplante Anpaarungen z.B. unserer Hunde hat. Sie wendet sich schon in dieser Phase schlagartig ins Negative, da solches Wissen dogmatisiert, wenn also z.B. aus dieser (erst jüngst ermöglichten) Dokumentation dieses MDR-1 Defektes – wie bereits vielfach zu lesen - eine weitere, zusätzliche Forderung einiger Perfektionisten an den "verantwortungsvollen Züchter gesunder Hunde" gemacht wird.

"Verantwortungsvoll züchten" heißt doch in erster Linie, sich der Risiken, mit denen der Züchter umgeht (umgehen muss), bewusst zu sein und mit diesen bekannten, vorhandenen Risiken offen umzugehen, in der Zuchtplanung "von ihnen weg zu selektieren". Dazu benötigt ein Züchter so etwas wie ein züchterisches Ideal, ein Langzeitziel. Nicht alle Wunschvorstellungen werden sich in der 1. oder 2. Folgegeneration verwirklichen lassen, manche Zielvorstellungen werden auch der Revision bedürfen, Zucht mit einem solchen Ideal ist ein dynamischer Prozess, in dem man sich selbst und dieses Ideal auch ständig wieder kritisch zu hinterfragen hat. Wollten wir hier und heute auf alle nur möglichen, in den eigenen und den zur Zucht erwählten Fremdtieren, eventuell auftretende gesundheitliche Risiken selektieren, müsste jegliches Zuchtziel per sofort als unerreichbar ad acta gelegt werden. Verantwortungsvoll züchten kann nicht gleichgesetzt werden mit der "Garantie" auf gesunde Nachkommen gesunder Eltern.

Die Möglichkeit, den MDR1-Gendefekt isoliert nachzuweisen, bringt uns längerfristig sicherlich einen Schritt weiter, die Genforschung hat hier positiv ihre Bedeutung dargestellt. Es sollte daraus aber bestimmt kein Grund entstehen, die nächste Nachweispflicht als Forderung an den "verantwortungsvollen Züchter" zu stellen. Denn da sind vorrangig deutlich wichtigere, wesentlichere genetische Beeinträchtigungen und Gefahren zu beachten.

Die Forderung in den Beiträgen, Ivermectin zu verbieten, ist sehr kurzsichtig gedacht und beinhaltet die Verwechslung von Ursache und Ergebnis. Ivermectin steht als eines, als bekanntestes Beispiel, hat dieser Forschungsarbeit den Anstoß gegeben. Mit Sicherheit darf nicht einem Pharmazeutikum (egal welchem) so viel Bedeutung eingeräumt werden, dass dessen Verträglichkeit / Wirksamkeit zu der Entscheidung über die "genetisch korrekte Funktionsfähigkeit" des Wesens (ob Mensch oder Tier) herangezogen wird.

So lesen sich allerdings auf den ersten Anschein zum Teil die Interpretation dieser Forschungsergebnisse , so sollte, darf man sie aber nicht auffassen. Ivermectin hat einfach "die Tür aufgemacht" für diese Forschung und deren Resultate, weil die Unverträglichkeit bei diversen Collieartigen eben leider "genügend" häufig aufgefallen ist, um als Frage nach dem "Warum gerade bei denen" der Wissenschaft einen Grund zu weiterer Forschung in dieser Richtung zu geben.

Der Grund (also in diesem Fall, hier und heute das Ivermectin) ist dabei frei austauschbar. Und deshalb ist die Schlussfolgerung (etwas "gekürzt" wiedergegeben) einen solchen Wirkstoff vom Markt zu nehmen grundsätzlich zu einfach.

Aspirin ist ein Segen für die Menschheit. Aspirin ist tatsächlich ein modernes "Wundermittel" weit über seine Grenzen als Schmerztablette hinaus. Eine sanfte und nahezu nebenwirkungsfreie Alternative, um z.B. besonders bei älteren Patienten die lebensnotwendige "Blutverdünnung" zu erreichen, die sonst nur durch eine wirklich mit vielen Nebenwirkungen und Risiken behaftete z.B. "Marcumar"-Therapie zu erreichen ist. Es gibt aber auch Aspirin-Unverträglichkeiten mit sehr gefährlichen Reaktionen bei (wenigen) Patienten. Deshalb bleibt Aspirin aber ein höchst wertvolles Medikament und auch eines der wenigen "unumstrittenen"). Ähnlich könnte man z.B. auch zu Penicillin argumentieren, denn es gibt ja eine breite Palette von Indikationen, in denen Antibiotika wie Penicillin und Co. allein lebensrettend sind.

Noch einmal: Ivermectin war nur der "Anstoßgeber". Es wird zum Teil in der laufenden Diskussion immer noch eine ungerechtfertigte "Schuldzuweisung" dem Medikament / Wirkstoff zugemessen.

Natürlich sollten wir alle auch weiterhin darauf achten, unseren Hunden keine Ivermectinhaltigen Medikamente zu verabreichen und ihnen den Genuss von frischen Pferdeäppeln (besonders im Frühjahr !!!) zu untersagen.

Dieser Wirkstoff Ivermectin hat nun also dazu geführt, dass Forscher erfolgreich geforscht haben. Sie haben dabei diesen genetischen Defekt entdeckt, die unzureichend funktionierende Blut-Hirn-Schranke. Und diese unzureichend funktionierende Blut-Hirn-Schranke ist ein Defekt, der u.U. auch in vielen anderen Fällen dem jeweiligen Tier Probleme bereiten kann. Das bedeutet, dass an dieser Stelle die körpereigene Abwehr, der normalerweise vorhandene Schutzwall, gefährlich herab- bzw. außer Kraft gesetzt ist, mit toxischen Stoffen umzugehen. Toxische Stoffe aber gibt es unendlich viele, nicht nur aus den Tiegeln der Pharmaindustrie oder den Giftküchen der modernen Landwirtschaft, es gibt sie auch zuhauf völlig unbearbeitet, selbsterzeugend in Mutter Natur ... und sie können genau so gut beim Genuss einer frisch gefangenen Maus oder eines Frosches (viele Hunde lieben ja derartige Ergänzungen ihres Speiseplans) aufgenommen werden .. Insofern war Ivermectin also wirklich nur der Anstoß, einen nicht unwichtigen Schritt voranzukommen bei der Erklärung des biologischen Baukastens und seiner diversen Schwachstellen.

Deshalb ist auch die Möglichkeit, mit Hilfe einer einfachen Blutprobe - derzeit wirklich als Anhängsel der Studie noch zum "Schnäppchenpreis" - Kenntnis zu erlangen darüber, ob man Tiere mit diesem Defekt besitzt, sehr zu begrüßen. Allerdings daran gleich züchterische Konsequenzen zu koppeln ? ... Nein. Aber züchterische Überlegungen (wenn auch nicht mit besonderer Präferenz) kann man um diesen Punkt durchaus erweitern.

Wichtig ist, dass der MDR 1 -Defekt wahrscheinlich auch für die ebenfalls collietypisch empfindlichen Reaktionen auf diverse Narkotika verantwortlich zeichnet ... damit ist es im Notfall wie auch bei geplanten Operationen sehr hilfreich, dem Tierarzt einen entsprechend konkreten Hinweis geben zu können anstatt nur die Bitte auszusprechen, "vorsichtig" zu dosieren ... (welche ja teilweise hinter vorgehaltener Hand eher belächelt als ernstgenommen wird).

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